F wie Freie Szene – Rede von Preisträger Pickl

Dietmar Pickl (ARCADE, HORTUS MUSICUS, UNIKUM) wurde am 13. 12. 2015 mit dem Würdigungspreis des Landes Kärnten in der Sparte Musik bedacht, wozu wir herzlich gratulieren. Nachstehend seine Dankesrede, in der er sich leidenschaftlich für eine Besserstellung der freien Szene, insbersondere der freien und zweisprachigen Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška aussprach.
Dem ist nichts hinzuzufügen.  

 

Sehr geehrte Damen und Herren! | Spoštovane gospe in cenjenji gospodje!

Liebe Freundinnen und Freunde! | Drage prijalteljice! Dragi prijatelji!

„Nicht jeder Tag trägt Lederhosen!“ Das ist nicht die Abmoderation des zu Ende gehenden Brauchtumsjahres 2015, sondern der erste Satz des Theaterstücks „Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen.“ Eine Volkstragödie in 3 Akten von Gert Jonke.
Der Satz hilft mir über den Anfang dieser Rede, die zu halten ich gebeten worden bin. Der Satz wird später eine Fortsetzung finden.

Reden zu Kultur und Kulturpolitik sind gewöhnlich entweder Klagelieder oder Jubelhymnen. C-Moll oder D-Dur könnte man sagen. Mir ist es nach F-Dur. Eine kräftige, kämpferische Tonart. Denken Sie an Figaro bei Mozart.

F wie Freie Szene. Von ihr, der Freien Szene, möchte ich berichten, für sie will ich sprechen, ihretwegen werde ich appellieren.

Die Freie Szene Kärntens hat zwölf Jahre hindurch ein kümmerliches Dasein geführt. Vom Subventionstropf entweder abgeklemmt, also: sudden death oder mit Tröpfchengaben am Leben erhalten. Die Geldströme wurden in andere Richtungen gelenkt. Das Mündungsgebiet dieser Geldflüsse bekam als protziges, unübersehbares Zeichen ein goldene Haube ans Haus genagelt.

Einige wenige überlebten, dank Solidarität von privaten Institutionen und Sponsoren, Förderung durch Bundesstellen oder totaler Selbstausbeutung.

Auch deshalb war 2013 das Jahr des Aufatmens. Des Durchatmens. Frischluft. Vorerst. Ein neues politisches Klima, andere Politiker, ein Kulturreferent mit kulturellem Background, der allerdings bald wieder verschwand, der Kulturreferent, nicht der Background, ein neuer Kulturreferent, der das Gespräch mit der Freien Szene suchte. Bis der Atem wieder stockte: Förderstopp. Kein Geld im Haus. Kein Geld aus Wien. Himmel, Herrschaft, Hypo, Heta. Und das Lamento des Kulturreferenten, das da lautet: Kärnten hat von allen Bundesländern das geringste Kulturbudget. Und da staune ich und frage: Warum? Warum hat Kärnten von allen Bundesländern das geringste Kulturbudget? Was ist der Politik in diesem Land die Kultur wert? Und was ist der Politik die Kulturarbeit der Freien Szene wert? Und warum ist dieser Kärntner Politik die Kultur so wenig wert? Und warum ist es der Kärntner Politik augenscheinlich völlig egal, dass ihr die Kultur so wenig wert ist?

Eine pikante Zahlengegenüberstellung in diesem Zusammenhang: Das Stadttheater Klagenfurt hat in der Spielzeit 2012/13 in 224 Vorstellungen ein Publikum von 108.000 Personen erreicht. Die Freie Szene erreichte im selben Zeitraum in 3.732 Veranstaltungen 226.000 Kulturinteressierte. Im Vergleich der Pro-Kopf-Förderung heißen die Zahlen € 93,74 (Stadttheater) zu € 1,59 (Freie Szene). Das ist kein Seitenhieb auf das Stadttheater, sondern ein Aufweis, welch homöopathische Dosis das Budget angeblich belastet.

Daher Appell Nr. 1: Verdoppelung der Fördermittel für die Freie Szene.

Unterschritten wird diese Dosis allerdings noch von den Förderungen an die slowenischen Kulturinitiativen. Mit dem Verweis auf separate Volksgruppenförderung durch Bund und Land werden ihnen schlichtweg die Förderung zeitgenössischer Kulturarbeit versagt. Auch hier ein paar Zahlen: in den Bezirken Hermagor, Spittal/Drau, Feldkirchen, St. Veit und Wolfsberg beträgt der Anteil der freien Kulturinitiativen 13%. Fast 50% der KI haben ihren Sitz in Villach und Klagenfurt.
Annähernd 40% der Kulturinitiativen liegen im zweisprachigen Gebiet: Rosental, Jauntal, Gailtal. Rož, Podjuna, Zila.

Približno štirideset odstotkov avtonomnih kulturnih iniciativ se nahaja na dvojezičnem območju Koroške: Rož, Podjuna, Zila.
Osemdeset društev letno prejme dvaindvajsettisoč evrov, to je povprečno dvesto petinsedemdeset evrov, ali petinsedemdeset centov na dan. In vse to za vzgledno regijo, kjer je interkulturnost, dvo- in večjezičnost samo-umeven del vsakdana in kulturnega ustvarjanja. Rož, Podjuna, Zila je slovenska pesem, ki se pogosto poje na pogrebih. Drugi poziv: Rož, Podjuna, Zila naj se ne le prepeva, marveč predvsem tudi podpira. Gospod kulturni referent! Nudite slovenskim kulturnim ustanovam enako podporo kot ostalim skupinam. Časi, ko je Vaš pred-pred-hodnik na uradu razlikoval med Slovenci in „pravimi Korošci“, so dokončno mimo.

Ungefähr 80 Vereine bekommen in Summe jährlich € 22.000, das sind durchschnittlich € 275 pro Initiative, oder 75 Cent pro Tag. Und das für eine Vorzeigeregion, in der Interkulturalität, Zwei-und Mehrsprachigkeit in Alltag und Kulturarbeit Standard ist. Rož, Podjuna, Zila ist ein slowenisches Lied, das häufig bei Begräbnissen gesungen wird.

Appell Nr. 2: Rož, Podjuna, Zila soll nicht nur gesungen, sondern vor allem gefördert werden. Herr Kulturreferent! Geben Sie den slowenischen Kulturinitiativen die selben Förderchancen wie den übrigen. Die Zeiten, in denen Ihr Vorvorgänger im Amt zwischen Slowenen und „richtigen Kärntnern“ unterschieden hat, sind wohl endgültig vorbei.

Appell 3: Herr Kulturreferent! Springen Sie nicht auf den neoliberalen Kultur-Zug auf, in dem Eventmanager sitzen und in deren Schlepptau die Evaluierer und Bilanzierer werken, die Kunst und Kultur wie jede andere Ware ökonomischen Zurichtungen unterwerfen. Die Kunst der Freien Szene war nie und ist nicht Affirmation des gesellschaftlichen Mainstreams und vorlaufende Gehorsamsabgeltung, sondern benützt Spürnase, Augenblick und Feinohr für das nicht Augenscheinliche, nicht Offenbare und nicht Selbstverständliche. Sie wirkt durch Bissigkeit, Widerstand und Gegenströmung. „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“ Kürzer und präziser als Stéphan Hessel lässt es sich nicht sagen.

2016 soll zum Jahr der freien Szene erklärt werden. Mit speziellen Veranstaltungen, einem Symposion, Stipendien und einiges mehr. Das ist respektabel. Aber. Gedenktage, Gedenk-und Spezialjahre sind Veranstaltungen des schlechten Gewissens. Das gilt für den autofreien Tag, den Weltnichtrauchertag wie für den Muttertag. Ihr Alibicharakter wird erst am day after oder im Jahr danach erkannt. Wenn alles wieder so ist, wie es immer war. Daher: Wo steht die Freie Szene 2017, 18, 19?
Der Gedenktag, das Spezialjahr bedarf der Verkündigung, der Ausrufung. Diese Ausrufung braucht zeremonielle Gestaltung, braucht Bühne für Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, braucht mediale Aufmerksamkeit.

Gert Jonke, der Meister der insistierenden Sprache, hilft mir bei diesem Gedanken wieder, wenn in der „Hinterhältigkeit der Windmaschinen“ die Darsteller feststellen:

Das ganze Theater stinkt!
Dieses ganze Theater stinkt immer mehr!
Dieses ganze Theater, das hier Abend für Abend gespielt wird, verbreitet von Abend zu Abend einen unerträglichen Gestank!

Und dieses ganze Theater, das wir um dieses Theater machen, das in diesem Theater Abend für Abend gespielt wird stinkt einem mitten ins Gesicht hinein, mitten ins Gesicht, einfach mitten ins Gesicht!

Man möchte kaum glauben, man möchte es gar nicht für möglich halten, dass einem ein solches Theater so einfach mitten ins Gesicht hineinstinken kann, einem die Sicht raubt, dass es unmöglich ist, etwas anderes zu sehen als dieses stinkende Theater!

Bevor jetzt der große Kulturpreis an Bruno Strobl verliehen wird, möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit bedanken, bei den Steuerzahler*innen für den Geldpreis.

Pri Vas bi se rad zahvalil za Vašo pozornost, pri davkoplačevalkah in davkoplačevalcih pa za denarno nagrado.

Den Schlusspunkt setzt Georg Christoph Lichtenberg, der in unnachahmlicher Art Hoffnung und Zweifel zusammenbindet:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“