Das Landhaus-Manifest der IG KiKK

LANDHAUS-MANIFEST 2016

Kunst kann die Welt nicht verändern.
Nicht direkt.
Aber:
Umetnost  izostri pogled na stvari.
Lahko preusmeri zorni kot.
Poglobi spoznavanje.
Kunst kann den Blick auf die Welt schärfen.
Die Sichtweise korrigieren.
Einsichten verschieben.
Somit:
Kunst ist ihrem Wesen nach Ansichtssache von Welt.
Kar pomeni:
Umetnost lahko spremeni svet.
Was heißt:
Kunst kann die Welt verändern.

Die Freie Szene in Kärnten/Koroška kann sich sehen lassen.
Sie zeigt Vielfalt, Unverwechselbarkeit.
Keine Sparte fehlt. Selbst solche, die von der Hoch-und Repräsentationskultur ausgesperrt worden sind,
wie die Sparte Tanz im Stadttheater Klagenfurt.
Die Freie Szene füllt Nischen der Kunst- und Kulturarbeit und beackert Experimentierfelder.
Sie ist frei von weltanschaulicher Bindung.
Ideologischer Vorgabe.
Dogmatischer Beschränkung.
Politischer Rücksichtnahme.
Inhaltlicher Tabuisierung.
Sie steht nicht im Dienst ökonomischer, parteipolitischer oder konfessioneller Interessen.
Naj raste kultura.

Die Frage ist: Kann sich Kärnten aber eine solche Freie Szene leisten?
Will die Kulturpolitik soviel ungebundene, weil Freie Szene zulassen?
So ist die Frage  allerdings falsch gestellt. Sie muss lauten:
Kann es sich Kärnten leisten, die Freie Szene ungenutzt zu lassen?
Der Preis, der dafür zu bezahlen wäre, ist  ein hoher.
Denn:
Die Freie Szene arbeitet in einfachen Strukturen.
Ohne überschüssigen Verwaltungsapparat.
Mit flachen Hierarchien.
Mit hochmotivierten Akteur*innen.
Sie funktioniert ohne Funktionäre.
Ist kritische Instanz.
Und damit ein Exerzierfeld für demokratische Prozesse.
Die Freie Szene ist außerdem billig.
Eine Okkasion.
Ein Glücksfall für die Kulturpolitik.
Svobodno kulturno ustvarjanje osrečuje in obogateva.
Avtonomno kulturno ustvarjanje je velika sreča za koroško deželo.

Hat diese das erkannt?
Das Jahr 2016  wurde zum Jahr der Freien Kulturinitiativen erklärt.
Denn in der Freien Szene Kärntens sind Preziosen verborgen.
100 zeitgenössische Kulturinitiativen stehen 10.000 traditionellen Vereinen gegenüber.
Vereinen, deren Aufgabe vornehmlich die Bewahrung, Konservierung und Verfestigung von Bekanntem ist.
Die Projektion der Vergangenheit in die Zukunft gehört zum Markenzeichen aller Traditionspflege.
Kritik wird als Störung erlebt. Als Bedrohung.

Kulturinitiativen sprechen Unbekanntes an, legen Verborgenes frei,
nicht im Sinn von Archäologie, als Ausgraben,  vielmehr im Sinne von Ent-decken:
Neue Wirklichkeiten schaffen.
Kritik als Unterscheidung.
Als Bereicherung. Nicht als Bedrohung.
Als Widerspruch.
Mit Stéphan Hessel gesprochen:
„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“
„V mojih mislih je upor. V mojem srcu je upor.“ Pa je napisal koroški avtor Andrej Kokot.
Tudi kultura naj se upre.

In den vergangenen 17 Jahren hingen die Kulturinitiativen am Subventionstropf der Öffentlichkeit,
entweder zum Absterben verurteilt – die Liste der Verstorbenen ist lang – oder zur Landesflucht gezwungen.
Exitus oder Exodus.
Die verbliebene Szene wurde gerade so weit gefördert, dass ihr Überleben einigermaßen gewährleistet war,
im Vertrauen auf die Selbst-und Fremdausbeutung der Kulturarbeiter*innen.
Brosamen vom Tisch des Kulturbudgets, aufgebröselt unter den Bittstellern.
Als Feigenblatt für versäumte Förderung.

Kulturarbeit ist jedoch Arbeit mit Mitteln der Kunst.
Kulturarbeit ist keine Freizeitbeschäftigung.
Ist nicht Hobby.
Kulturarbeit ist keine Bastelstunde.
Kulturarbeit ist negotium. Arbeit.
Und nicht Muße.

Solche Arbeit der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen,
braucht es mehr als Hilfeleistungen, was die Bedeutung von Subvention ist.
Es bedarf der Investition in die lebendige Arbeit der Kulturinitiativen.
Im Vertrauen auf die Kreativität der Freien Szene.

Die Kulturarbeiter*innen aller Sparten kennen die derzeitigen Probleme.
Und deren Behebung.
Die finanziellen Ressourcen sind prekär.
Eine Verdopplung der Förderungen sollte Selbst-und Fremdausbeutung verringern helfen.
Finanzielle Zusagen müssen zeitgerecht erfolgen.
Mehrjahresverträge befördern langfristige Projekte.
Und ermöglichen Interdisziplinarität und Interkulturalität.
Garantieren längerfristiges Binden von Mitarbeiter*innen.
Investitionen in die Arbeit der Kulturinitiativen verbessern deren Infrastruktur.
Und schaffen Arbeitsplätze.
Kultur muss wachsen!
Naj raste kultura!
Investirajmo v kulturo,
ker je politično, socialno in ekonomsko smiselno in potrebno.

Demnach:
Investitionen machen kulturpolitisch Sinn.
Investitionen machen sozialpolitisch Sinn.
Investitionen machen wirtschaftspolitisch Sinn.
Und:
Sie belasten den Landeshaushalt minimal.
In kaum wahrnehmbarer Größe.
Denn:
Die Freie Szene ist billig.
Aber viel wert.

Sie zeigt zudem, was Überwinden von Grenzen im Denken bedeutet:
Bereicherung, Erweiterung, Vertiefung, Wachsen, Wachsein.
Innerhalb der Kunstsparten.
Innerhalb unterschiedlicher Kulturräume.
Innerhalb der zweisprachigen Regionen im Grenzland Kärnten.

Najboljši primer brez- in čezmejnega ustvarjanja so slovenska kulturna društva.
Približno štirideset odstotkov kulturnih iniciativ na Koroškem je na dvojezičnem območju: Rož, Podjuna, Zila. Rosental, Jauntal, Gailtal.
Koroška deželna vlada jim pod pretvezo, da narodne skupine prejemajo podporo s strani urada zveznega kanclerja, ne namenja enake subvencije kot ostalim društvam.
Finančna podpora mestnemu gledališču v Celovcu znaša 27.000,- evrov – na dan.
Približno dvojna vsota je namenjena vsem slovenskim društvom – na leto.
Drobtine. Nespodobno.

Bestes Beispiel dieser grenzenlosen Arbeit sind die slowenischen Kulturinitiativen.
Annähernd 40 Prozent der Kärntner Kulturinitiativen liegen im zweisprachigen Gebiet:
Rosental, Jauntal, Gailtal. Rož, Podjuna, Zila.
Mit dem Verweis auf die Volksgruppenförderung im Bundeskanzleramt
werden ihnen die landesüblichen  Subventionen vorenthalten, respektive im kaum wahrnehmbaren Bereich gewährt.
Die Subvention des Stadttheaters Klagenfurt beträgt pro Tag ungefähr 27.000 Euro.
Ungefähr das Doppelte bekommen die slowenischen Vereine insgesamt. Allerdings pro Jahr.
Peanuts. Skandalös.

Das muss sich ändern.
Kultur muss wachsen!
Naj uspeva kultura!

Politiker*innen sind Saisonarbeiter*innen.
Eine gewisse Zeit zuständig für ihre Bereiche.
Politike*innen hinterlassen Spuren ihres Wirkens.
Spuren, an denen sie gemessen werden.
Was Politiker*innen mit Kopf und Herz wollen, setzen sie um.

Die IG KiKK bietet ihnen ihre Partnerschaft an.
Als Kunst-und Kulturpartnerschaft.
Als Sozialpartnerschaft.
Als Handlungspartnerschaft.
Als konstruktive Gegnerschaft.
Bis auf Widerruf.

Der Boden ist bereitet.
Pflanzen und PflanzerInnen sind ausreichend vorhanden.
Neue Kreationen warten.
Kulturinitiativen brauchen ein genügend großes Wasserreservoir.
In dem nichts versickert.
Den Dünger besorgen sie selbst.
Kultur muss wachsen.
Kulturinitiativen müssen wachsen.
Naj rastejo kulturne iniciative.
Naj raste kultura.

Kunst kann die Welt nicht verändern.
Nicht direkt.
Aber:
Kunst kann den Blick auf die Welt schärfen.
Die Sichtweise korrigieren.
Einsichten verschieben.
Somit:
Kunst ist ihrem Wesen nach Ansichtssache von Welt.
Was heißt:
Kunst kann die Welt verändern.

Es ist festzuhalten, dass dieses Landhaus-Manifest – trotz seines hohen Wertes –
nicht Teil einer allfälligen Konkursmasse im Insolvenzverfahren sein wird.

Fotos: Gerhard Maurer