Kulturpreisverleihung 2016

Am 15. 12. 2016 wurden im Stift Ossiach die Kulturpreise des Landes Kärnten vergeben, u. a. erstmals ein Anerkennungspreis für freie Kulturinitiativen. Dieser wurde heuer auf Vorschlag des Kärntner Kulturgremiums dem Verein Innenhofkultur in Person von Raimund Spöck zuerkannt. Gerhard Pilgram wurde eingeladen, beim Festakt "zur Lage der Kärntner Kultur" zu sprechen. Nachstehend sein Redetext, ein persönliches Resümee des heurigen Jahres der freien Kulturinitiativen.

Was Sie jetzt zu hören bekommen, ist mit niemandem abgesprochen. Nicht alles wird Ihnen gefallen, aber das ist auch nicht Zweck der Übung. Gebeten wurde ich um eine persönliche Bilanz des Jahres der freien Kulturinitiativen; sie wird gut zehn Minuten dauern.

1) Im Sommer des Jahres 2015 bin ich bei einer Diskussionsveranstaltung der IG KIKK (das ist der Dachverband der Kulturinitiativen) als „Protestsänger“ aufgetreten. Anlass waren Kürzungen des Kulturbudgets sowie der im Frühjahr verhängte Subventionsstopp des Landes Kärnten. Mein Lied hieß „Reißt die Fenster auf!“ und prangerte in deftigen Worten den Opportunismus und die Ignoranz im Lande an. Die letzte Strophe lautete:
„Die Kulturvereine liegen / in den allerletzten Zügen / doch Herrn Benger kümmert das / leider einen feuchten Schaß!“
So würde ich das heute nicht mehr ausdrücken (von der zweifelhaften literarischen Qua- lität einmal ganz abgesehen).
Denn der Kulturreferent des Landes, der mir als eine Art Wiederholungstäter der Haider’schen Kulturpolitik erschien, hat in diesem Jahr – ebenso wie ich – eine innere Wandlung vollzogen. Ich behaupte: Aus dem Saulus der Brauchtumspflege ist ein Paulus der autonomen Kulturarbeit geworden. (Wobei der Unterschied im Grunde marginal ist.)
Falls Sie daran zweifeln, gehören Sie vermutlich zu den kritischen Kulturschaffenden, wie ich einer war. Auch ich vertrat die Ansicht, dass es zum Anforderungsprofil eines Kärntner Kulturpolitikers gehöre, möglichst provinziell zu sein und für Kunst kein übertriebenes Interesse zu zeigen. Und dass sich außerdem die jeweiligen Amtsträger mangels eigener Ideen von den Einflüsterungen ihrer Beamtenschaft leiten ließen.
Herr Benger und sein Team, allen voran Büroleiter Thomas Goritschnig und Unterabteilungsleiterin Erika Napetschnig, haben mich eines Besseren belehrt.
Auf welche Weise, verrate ich Ihnen später.

2) Einem aktuellen Polizeibericht zufolge leben in Kärnten etwa 100 Staatsverweigerer. Das sind Leute, die die Republik Österreich, ihre gewählten VertreterInnen, die Gesetze und Behörden nicht anerkennen. Das deckt sich mit der Haltung mancher freier Kulturinitiativen (ebenfalls rund 100 an der Zahl). Die nennen sich zwar nicht „Reichsbürger“, denken aber auch, dass sie mit unserem politischen „System“ nichts zu schaffen hätten. Nicht wenige Kulturinitiativen wurden einst als Gegenentwürfe zur bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gegründet. „Alternativkultur“ nannte sich das. Ähnliche Ideen verbreitet heute ein gewisser Roland Düringer (ein Künstler, wenn man so will, von unserem Fleisch), wie auch der italienische Komiker Beppo Grillo, der gerade im Begriff ist, unser Nachbarland auf den Kopf zu stellen. Unter solchen Umständen sollte man das Konzept der subversiven Kulturarbeit vielleicht überdenken. Zumal sich die Straches und Kickls auf die Untergrabung unseres Gemeinwesens viel besser verstehen.

3) Als das Jahr der freien Kulturinitiativen ausgerufen wurde, hatten wir, die IG KIKK, zwei Möglichkeiten: uns der politischen Vereinnahmung zu entziehen oder uns genau darauf einzulassen. Wir haben uns für letzteres entschieden und – von der Szene skeptisch beobachtet – mit den Verantwortlichen in der Landesregierung „den Dialog gesucht“ und „konstruktive Gespräche“ geführt. Das geschah nicht aus taktischen Gründen, sondern aus einer Notwendigkeit. Wenn nämlich, so die Überlegung, die demokratischen Strukturen und Institutionen allerorts aus den Fugen geraten, sind Kulturschaffende, Kulturpolitiker und -verwalterInnen potentielle Verbündete. Sie tragen eine gemeinsame Verantwortung. Und zwar, einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, besser: zur sozialen Übereinkunft, zu leisten.
Also sind wir (die IG KIKK) Kompromisse eingegangen, haben Ungerades gerade sein lassen und manches auch schöngeredet. Unser Gegenüber, sei es in der Landesregierung, sei es in der Kulturabteilung, hat ebenfalls beachtliche Zugeständnisse gemacht. So haben wir uns in der alten Kulturtechnik der Sozialpartnerschaft geübt und dabei Feindbilder abgebaut.

4) Unter dem Strich, und zwar im doppelten Wortsinn, ist einiges herausgekommen:
• ein gelungenes Symposion, dessen Motto „Kultur muss wachsen“ ein Versprechen für die Zukunft war
• ein vernünftiger Kriterienkatalog für die Vergabe von Subventionen
• eine Anhebung der Fördermittel für die Initiativen um über 100.000,– Euro. (Das ist für viele nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, zwei Dutzend Vereine können sich aber über spürbare Erhöhungen oder erstmalige Förderungen freuen.)
• zwei Stipendien für freie KulturarbeiterInnen
• und: ein jährlicher Anerkennungspreis für freie Kulturinitiativen

Der Verein Innenhofkultur ist in Person von Raimund Spöck der erste und wahrlich würdige Preisträger. Er ist uns in puncto Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit, aber auch in seiner Widerständigkeit ein leuchtendes Beispiel, von seinem künstlerisch hochwertigen Programm ganz zu schweigen. Lieber Raimund, ich gratuliere Dir von Herzen!

5) War das alles? Mitnichten. Ich zitiere aus meinem Tagebuch:
• Der Intendant des Stadttheaters Klagenfurt denkt erstmals öffentlich über zweisprachige Produktionen nach.
• Ein Redakteur der Kleinen Zeitung interessiert sich – nachdem er gefühlte 15 Jahre ferngeblieben ist – für Veranstaltungen freier Kulturinitiativen und findet plötzlich wieder Freude an seinem Beruf.
• Die KultursprecherInnen der Kärntner Regierungsparteien besuchen ein Selbstfindungsseminar und begegnen den Kulturinitiativen seither mit Respekt.
• Die Kärnten-Heute-Redaktion verhängt ein vorübergehendes Kärntner-Chor-Embargo und porträtiert jede Woche eine freie Kulturinitiative.
• Der Kulturreferent finanziert eine Imagekampagne für die freie Szene in der Kronenzeitung.
• Und seinem Büroleiter fällt es wie Schuppen von den Augen, dass in seiner Heimatgemeinde seit Jahrzehnten eine der spannendsten Kulturinitiativen des Landes aktiv ist.

6) Auch mir persönlich hat das Jahr einiges gebracht:
• eine chronisch entzündete Darmschlinge
• einen vereiterten Backenzahn
• eine hartnäckige Bindehautreizung
• einen plötzlichen Hörsturz
Man hat mir abgeraten, öffentlich darüber zu sprechen, aber spätestens seit Erwin Ringel wissen wir: die körperliche Verfassung spiegelt den Zustand der Seele wider, die ihrerseits auf soziale Umstände reagiert und damit letztlich ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Jeder „private“ Hautausschlag verweist somit auf einen politischen Missstand.
Meine Darmprobleme stellten sich ein, als ich regelmäßig in der Kulturabteilung ein- und ausging, um über den Maßnahmenkatalog für das Schwerpunktjahr zu beraten. Die Kulturabteilung, eigentlich und bezeichnenderweise Unterabteilung Kultur, ist ja auch eine Art Verdauungsorgan. Hier werden Subventionsansuchen verarbeitet, muss allerhand Antragsprosa verdaut werden und kommen Speichel, Enzyme und Magensäure zum Einsatz. Gelegentlich gibt es Verstopfungen oder fällt etwas durch. Ich darf Sie aber beruhigen: Die Koloskopie hat nichts Auffälliges ergeben; auch die KulturbeamtInnen arbeiten viel gewissenhafter als ihnen oft nachgesagt wird. Es sind Menschen, die nichts Böses im Schilde führen und wissen, dass sie im Grunde uns, den Kulturschaffenden, ihren Arbeitsplatz verdanken. Sie sind auf unserer Seite.
Eine Zahnoperation musste ich kurz vor meinem Auftritt im Kärntner Kulturgremium über mich ergehen lassen – ein paar Tage später erhielt ich die Einladung, heute vor Ihnen zu sprechen. Ich überlasse es Ihnen, daraus Schlüsse zu ziehen.
Meine roten Augen sind Folge der Schlaflosigkeit, die mir – Sie werden es nicht glauben – die Frage bereitet, ob die soziale Relevanz der freien Kulturarbeit und die daraus abgeleitete Legitimation öffentlicher Förderung nicht bloß Schimäre bzw. Anmaßung sind.
Bleibt noch der Hörsturz. Den erlitt ich bei einer Versammlung der IG KIKK, als die KollegInnen zum xten Mal ihr grausames Schicksal beklagten und die kulturpolitische Lage in Kärnten für hoffnungslos erklärten. Das Argument der Gegenseite, das Land müsse sparen, weshalb einem leider leider die Hände gebunden seien, kann ich seither ebenfalls nicht mehr hören. (Ein Hörsturz geht übrigens mit irritierenden Gleichgewichtsstörungen einher, was der Schwierigkeit entspricht, eine Balance zwischen dissidenter Haltung und politischem Pragmatismus zu finden.)

7) Ende Oktober rettete Landeshauptmann Peter Kaiser ein Menschenleben. Er stieß beim morgendlichen Joggen am Ufer des Wörthersees auf eine reglose Frau, leistete Erste Hilfe und alarmierte die Rettung. Was die Medien verschwiegen: Die Bedauernswerte war Mitarbeiterin einer freien Kulturinitiative und nicht nur stark unterkühlt, sondern auch unterernährt. Kaiser zeigte sich so erschüttert, dass er, als Gesundheitsreferent des Landes, die IG KIKK umgehend mit einer Gesundheitsdatenerhebung unter ihren Mitgliedern beauftragte. Die Ergebnisse sind erschütternd:
• Die Mehrheit der KulturarbeiterInnen konsumiert regelmäßig Stimmungsaufheller und/oder Schmerzmittel. Anständige Drogen können sich die wenigsten leisten.
• Ein Drittel leidet, aufgrund hoher Bankverbindlichkeiten, unter Panikattacken.
• Zweisprachige Kulturinitiativen sind chronisch unterzuckert.
• Haltungsschäden aufgrund von Vitaminmangel finden sich vor allem unter den jungen KollegInnen.
• Auch Inkontinenz und Demenz sind ein Thema, was mit der Vergreisung der Freien Szene und Ihres Publikums zu tun hat (ich darf das sagen).
• Und: Ob jung oder alt – fast alle haben schlechte Zähne. Dass hier Handlungsbedarf besteht, liegt auf der Hand.

8) Es ist klar, dass man sich in so einem Jahr auch menschlich näher kommt. Landesrat Christian Benger, Frau Erika Napetschnig und mich verbindet nämlich nicht nur das Interesse für die Kunst, sondern auch die Liebe zur Natur. Was also lag näher, als zur Festigung unserer zarten Bande einen gemeinsamen Jagdausflug zu unternehmen. (Herr Goritschnig war an diesem Tag verhindert.)
Es war vor zwei Wochen im Morgengrauen, als wir auf einem Hochsitz in den Ossiacher Tauern Platz genommen hatten und auf eine kleine Lichtung blickten. Der Boden war noch gefroren, Eiskristalle verdampften in den ersten Sonnenstrahlen. Plötzlich raschelte es im Unterholz und wechselte ein junger Hirsch ins Freie. Der Landesrat hob seine Büchse und machte Anstalten, das Tier zu erlegen. Sanft drückte Frau Napetschnig den Lauf nach unten und flüsterte: „Kultur muss wachsen!“ Ich musste niesen; das Tier verschwand mit einem Satz im Wald. „Gesundheit!“, sagte Herr Benger und lachte – das Eis war endgültig gebrochen.
Eine Stunde später saßen wir fröhlich in einer Jagdhütte, tranken Tee mit kubanischem Rum und berieten, wie wir das Jahr der Freien Kulturinitiativen zu einem guten Ende bringen könnten.
„Eigentlich ist alles unter Dach und Fach“, meinte Erika.
Ich wollte ihr schon beipflichten, da erwiderte Christian: „Nicht ganz, es gibt ein paar Baustellen.“
„Zum Beispiel?“, frug Erika.
„Eine angemessene Finanzierung der freien Theater; die deutliche Anhebung der Förderungen der zwei­sprachigen Kulturstätten; Mehrjahresverträge; kürzere Fristenläufe; die Bereinigung von krassen Unverhältnismäßigkeiten bei den Subventionen und und und“, kam Christian in Fahrt.
„Wow!“, entfuhr es mir, und Erika stöhnte: „Ist das nicht ein bisschen viel?“
„Im Gegenteil“, rief der Landesrat, „ich möchte darüber hinaus ein Zeichen setzen, an das man sich noch lange erinnern wird.“
„Was könnte das sein?“ Klammer auf, Erika, Klammer zu.
„Vielleicht sollte man auf die Gesundheitsdatenerhebung Bezug nehmen“, schlug ich vor.
„Wir werden nicht jedem Leiden ein Ende setzen können“, entgegnete Erika.
„Ja, leider“, seufzte Christian.
Das Gespräch erstarb; schweigend tranken wir weiter.
Wer von uns schließlich die rettende Idee hatte, vermag ich nicht mehr zu sagen.

9) Und also lautet der Beschluss: In Anbetracht der gravierenden Kariesschäden in der Freien Szene sowie zur Abwendung epidemischer Zahnlosigkeit unter den Kulturschaffenden verpflichtet sich das Land Kärnten ab dem Jahr 2017 zur bedingungslosen Finanzierung einer jährlichen professionellen Entfernung von Plaque und Zahnstein bei allen MitarbeiterInnen von freien Kulturinitiativen. Für Stiftzähne, Kronen und Brücken werden Zuschüsse nach Maßgabe der vorhandenen Mittel gewährt. Mitglieder der IG KIKK haben überdies Anspruch auf eine elektrische Zahnbürste.

Ich finde, schöner hätte dieses Jahr nicht zu Ende gehen können. Man spürt das Bemühen der Verantwortlichen, der freien Szene nachhaltig zu helfen und Kulturpolitik „neu zu denken“. Das ist es, was wir immer wollten. Sicherlich wird wieder irgendjemand ein Haar in der Suppe finden; ich aber schätze mich glücklich, an der Zubereitung mitgewirkt zu haben. Deshalb möchte ich mich – stellvertretend für meine KollegInnen – bei den ProtagonistInnen meiner Weihnachtsgeschichte bedanken und erlaube mir noch einen letzten Wunsch: Bleiben Sie den freien Kulturinitiativen gewogen, bleiben Sie möglichst aufgeschlossen, und bleiben Sie – vor allem – gesund!

Gerhard Pilgram, 15. Dezember 2016

Veröffentlicht am Sonntag, 18. Dezember 2016 um 18:14